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Interview Prof. Dr. Vaira Vike-Freiberga
Lieder bilden die Grundlage der lettischen Identität
Durch wissenschaftliche Untersuchungen und zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema Lettische Volkslieder hat Prof. Dr. Vaira Vīķe-Freiberga immer wieder sowohl Letten als auch anderen Nationen die Bedeutung von lettischer Tradition und Kultur nahegebracht. Ihre Forschungsergebnisse beinhalten Semiotik, Poesie und Struktur der lettischen Volkslieder und wurden in zahlreichen Fachzeitschriften und Büchern in deutscher, englischer, französischer und lettischer Sprache veröffentlicht.
Die lettischen Volkslieder, Dainas genannt, bestehen in der Regel aus nur vier Zeilen. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts erschien in sechs Bänden eine Auswahl von 217.996 Dainas, die - bis dahin nur mündlich überliefert - im gesamten lettischen Sprachraum gesammelt worden waren. Die Originaltexte werden im sogannten „Daina-Schrank“ aufbewahrt, der mittlerweile auch in digitaler Form existiert. Inzwischen sind rund 1,2 Millionen Dainas schriftlich fixiert, so dass an dem geflügelten Wort „auf jeden Letten kommt ein Lied“ eine Menge Wahres ist, da Lettland rund 1,3 Millionen lettischstämmige Einwohner hat.
Frau Vike-Freiberga, was bedeuten die Volkslieder für das lettische Volk?
Für die Letten bedeuten die Volkslieder mehr als nur eine literarische Tradition. Sie sind für ihn die Verkörperung des von Vorvätern überlieferten kulturellen Erbes, denen die Geschichte greifbarere Ausdrucksformen verweigerte. Diese Lieder bilden die Grundlage der lettischen Identität und Singen wird zu einer identifizierbaren Eigenschaft eines Letten.
Ist das heute noch im Alltag der jungen Leute so?
Es gibt in Lettland noch immer viel Tanzgruppen und Trachtengruppen, die jede Woche zusammenkommen, um zu singen und zu tanzen. Insgesamt gibt es heutzutage in Lettland etwa 200 verschiedene Folkloregruppen mit rund 3.000 Mitgliedern. Dies zeigt, dass auch heute noch viele Letten sich für traditionellen Gesang und Tanz sowie das Spielen traditioneller Instrumente interessieren.
Jedes fünfte Jahr feiern wir das große Sängerfest, auf das man sich vorbereiten muss. Das ist die Motivation, um sich ernsthaft mit der lettische Folklore zu beschäftigen. Aber auch, wenn man mit mehreren Freunden Geburtstag feiert, singt man zusammen. Natürlich wird das von Jahr zu Jahr weniger, weil durch die elektronische Musik das Selbstmusizieren weniger verbreitet ist. Daher singt man vielleicht gerade noch unter der Dusche.
Die Gelegenheiten, mit mehreren zusammen zu singen, gibt es immer seltener. Das ist schade. Aber gerade in der Mittsommernacht gibt es sehr viele Menschen, die noch danach suchen.
Warum ist die Tradition und die Kultur so tief verankert bei den Letten?
Weil sie lange Zeit ein unterdrücktes Volk waren. Die Tradition gibt ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das es zu bewahren galt. Das war vor allem während der sowjetischen Besatzung so, als es in Riga mehr Russen als Letten gab. Wenn bei den Sängerfesten die bäuerliche Bevölkerung in die Stadt strömte, merkte man: Wir sind nicht allein.
Zu Sowjetzeiten gab es so etwas wie staatlich organisierte Folkloreveranstaltungen. Haben sich die Sängerfeste seit der Singenden Revolution verändert?
Es gibt eine ständige Diskussion darüber, wieweit man die Sängerfeste verändern und modernisieren sollte. Wieviel elektronische Musik zugelassen wird und wie das Repertoire aussieht. Aber das letzte Sängerfest in Riga im Jahr 2009 war so wunderbar und niemand wollte beim Abschlusskonzert nach Hause gehen. Alle haben bis 4 Uhr morgens gemeinsam gesungen und getanzt. Dennoch glaube ich, dass die moderne Welt ein Bedrohung für die alten Traditionen ist. Heute verändert sich alles sehr schnell. Da überrascht es mich oft selbst, dass so viele Letten etwas in der Volksmusik finden, was sie woanders nicht finden.
Um gegen diese Bedrohung anzukämpfen, haben Sie vor einigen Jahren die CD “Vairas Songs” herausgegeben, eine persönliche Auswahl von Volksliedern, die Sie selbst singen. Wie ist es dazu gekommen?
Jeder von uns hat Lieblingslieder, manche stammen aus der Kindheit, manche verbinden wir mit einer bestimmten Lebenssituation oder Person. Andere wieder haben eine besondere Bedeutung für uns wegen der Gefühle, die sie in uns erzeugen. Jeder sollte sein ganz eigenes Repertoire an Volksliedern besitzen. Für die CD habe ich Lieder ausgewählt, die man nicht so oft hört. Das sind sogenannte Sonnenlieder und Melodien, die meine Mutter mir vorgesungen hat.
Das lettische Liedgut gehört seit 2003 zum UNESCO Weltkulturerbe. Wie wichtig ist das für Sie?
Ich bin sehr froh darüber, dass diese Tradition auch von außen anerkannt und wertgeschätzt wird. Die lettischen Volkslieder sind eine reiche Schatzkammer der Volkspoesie. Es gibt viel mehr als man gedacht hat. Das Wissen darüber ist wie ein Schlüssel für diese Schatzkammer. Das Wichtigste dafür ist die Sprache. Poesie ist zwar sehr schwer zu übersetzen, aber wir müssen weitermachen mit Übersetzungen in anderen Sprachen, auch in deutsch. Meine Arbeit dabei ist, die Texte auf wissenschaftliche Weise zu analysieren und interpretieren. Ich finde da sehr interessante Strukturen.
Was drücken diese 'Dainas' aus?
Ein Charakteristikum der Dainas ist die Fähigkeit, abstrakte, oft philosophische Gedanken poetisch darzustellen. Dies geschieht durch eine kräftige Ausdrucksweise sowie durch den Gebrauch lebhafter, konkreter Wörter. Wenn beispielsweise in den Dainas die Sonne besungen wird, verwandelt sich der konkrete Himmelskörper unmerklich in eine metaphorische und allegorische Sonne und diese wiederum in ein mythologisches und sogar göttliches Wesen.
Sie ist aber auch wie eine beschützende Mutter für die Waisen, die Armen und die Kinder, weil sie die Wärme ohne Unterschied ausgießt über die Erde.
Dainas sind aber nicht nur allegorisch zu sehen, sondern hatte in früherer Zeit auch ganz praktische Bedeutung....
Man muss sich erinnern, dass mit den langen Sonnentagen in Lettland die Leute 16 Stunden lang auf dem Feld arbeiteten. Da brauchte man am Ende des Tages etwas Ruhe. Bei Sonnenuntergang war daher Schluss mit der Arbeit. Man setzte sich hin und ruhte sich aus. Außerdem war jeder Sonnabend ist ein „heiliger Abend“, an dem sich der Mensch durch einen Reinigungsritus, dem körperlichen und geistigen Reinigen in der Sauna, auf den Sonntag vorbereitet. Aber auch jeder einzelne Tag hat einen „heiligen Abend“, der mit dem Ende der Arbeit oder der "grauen Stunde" begangen wird. Der „heilige Abend“ und die „graue Stunde“ sollen den Menschen daran erinnern, dass es neben der materiellen Seite des Lebens auch eine geistige gibt. Dies sind heilige Rituale, die sicherstellen sollen, dass die Menschen sich Gedanken über ihre Seele und das Jenseits machen.
Ich glaube, wenn man auch heute nach der Arbeit so eine „graue Stunde“ für 15 Minuten einführen könnte, wäre das sehr gut für die psychische und körperliche Gesundheit der Menschen.
Welches Fazit ziehen Sie nach einer Woche FolkBaltica mit lettischem Fokus?
Es ist großartig, was Jens-Peter Müller auf die Beine gestellt hat. Ich bin sehr beeindruckt von diesem Festival. Er hat viele Künstler zusammengebracht, die auch nach dem Festival weiter zusammenarbeiten wollen.
Wir haben gesehen, dass das Kulturerbe, das wir alle schätzen, auch andere begeistern kann. So entsteht ein Verständnis für eine europäische Kultur zwischen den Völkern. Jeder wird dadurch bereichert, wenn er sein kulturelles Erbe mit anderen teilen kann.
Zur Person:
Prof. Dr. Vaira Vīķe-Freiberga wurde am 1. Dezember 1937 in Riga geboren. Sie besuchte die lettische Schule des Lübecker Flüchtlingslagers, sowie eine französische Schule in Marokko und studierte unter anderem an der kanadischen Universität Toronto Psychologie. Als Psychologie-Professorin arbeitete sie auch an der Universität Montreal, von der sie zur Ehrendoktorin ernannt wurde. 1999 wurde sie zur Präsidentin der Republik Lettland gewählt und bemühte sich bis zum Ende ihrer zweiten Amtsperiode 2007 für eine klare Westorientierung des Landes und um den EU-Beitritt. Im Dezember 2007 wurde sie als stellvertretende Vorsitzende in die neu geschaffene „Reflexionsgruppe“ der Europäischen Union (auch Rat der Weisen genannt) berufen. Der Rat befasst sich mit Fragen der zukünftigen Entwicklung der EU. Sie ist bis heute wegen ihres unabhängigen und sicheren Auftretens in der lettischen Bevölkerung außergewöhnlich beliebt. Vaira Vīķe-Freiberga ist mit dem Informatikprofessor Imants Freibergs verheiratet, mit dem sie zwei Kinder hat.
Di. 27. April 2010 | Von Joachim Pohl; Antje Walther (Flensburger Tageblatt)
Kassensturz nach furiosem Finale
Die sechste Ausgabe von Folk-Baltica endete am Sonntag mit einem fulminanten Schlussakkord. Das Konzert der Gruppe "Shin" aus Georgien mit Wahlheimat Deutschland geriet zu einem dieser magischen Momente, die entstehen, wenn alles passt: erstklassige Musikalität, toller Sound und ein begeisterungsfähiges Publikum.
Ganz wunderbar vermählten die Akteure die Klangwelten aus Georgien und Lettland. Die Stimmen von Zane Smite und Kristine Karkle Purina sowie das Akkordeon von Valts Puce verschmolzen vollständig mit dem Ethno-Jazz der vier Könner an den Instrumenten.
Den Wohlklängen folgten Session bis in die Morgenstunden, Applaus der Musiker im Spalier für die Freiwilligen, Abschied, Abreise. Der Kassensturz jedoch steht noch aus. Wenngleich dem künstlerischen Leiter des Festivals einige Zahlen sehr gefallen, hatten befürchtete Flugausfälle und Umbuchungen Extrakosten verursacht. Allein am Beispiel der Band Patina rechnet Müller wegen Fährfahrten zusätzliche Kosten von 1000 Euro vor.
Flensborg Avis, 26. April 2010, Hans-Christian Davidsen
Sonnenkonzert: Hut ab für diese Zusammenstellung!
Das Sonnenkonzert der folkBALTICA war ein sensibles Beispiel dafür, wie man ein Musikfestival betreiben soll: Gebt dem Publikum etwas, was es noch nicht gehört hat. Entweder es trägt oder es trägt nicht. Und wenn es trägt, dann ist es einfach klasse!
Ich stelle ich die Behauptung auf, hier liegt einer der größten kulturellen Unterschiede, wenn man Deutschland und Dänemark vergleicht.
Ich weiss nicht, wie viele Menschen es in Dänemark gibt, die dem samischen Joik-Gesang so viel Beifall spenden würden, wie der Same Áillos für seinen Auftritt in der Nikolaikirche bekam. Mit der schwedischen Tänzerin und Choreografin Ǻsa Rockberg präsentierte Aillos faszinierende Lieder, die nicht über etwas, sondern etwas (be-) singen.
Perfekt als Fortführung des Joikgesanges folgte der Obertongesang des Letten Valdis Muktupavels. Sein Gesang ging unter die Haut und der St. Nikolai-Organist Michael Mages nahm das musikalische Thema auf und führte es fort.
Das war richtig schön und perfekt von den Arrangeuren dieses Konzertes zusammengestellt. Hier bekamen die meisten von uns ein Erlebnis, mit dem wir nicht gerechnet hatten. Und das ist wohl auch ein großer Part der Existenzberechtigung von folkBALTICA: Neue Erlebnisse zu präsentieren. Hut ab für diese Zusammenstellung (Sonnenkonzert auch mit Crane Dance Trio, Trio Smite /Karkle/ Cinkuss und anderen lettischen Sängerinnen)
Flensburger Tageblatt, 23. April 2010 | Von Niko Wasmund
FolkBaltica: Gelungener Auftakt trotz Asche
SALZAU. Viel Humor, viel Gelächter. Es ist ein Abend der guten Musik und der guten Laune. Denn nicht nur ist das Publikum im gefüllten Probensaal des Landeskulturzentrums Salzau angesichts der beiden brillanten Gruppen Trio Šmite, Karkle & Cinkuss und Frigg begeistert. Die Musiker freuen sich fast noch mehr darüber, tatsächlich hier auf der Bühne zu stehen. Festivalleiter Jens-Peter Müller referiert witzig in aller Kürze über die Odysseen, die einige Musiker aufgrund der allgegenwärtigen Aschewolke eines isländischen Vulkans hinter sich brachten. Eine Sängerin etwa musste von Kanada über Athen und Brüssel eingeflogen werden, zwei Instrumentalisten sich in der Schweiz ein Auto kaufen, um rechtzeitig vor Ort zu sein.
Fr. 22.04.2010 | Kieler Nachrichten | Hannes Hansen
Die Exotik des Traditionellen
Grandioses Auftakt-Konzert mit Trio Smite/Karkle/Cinkuss und Frigg im Landeskulturzentrum Salzau
Bordungesang, ein lang anhaltender Ton als Begleitung zur eigentlichen Melodie, wie man ihn vom Dudelsack her kennt, der aber auch seit altersher eine gewichtige Rolle in der lettischen Volksmusik spiele, brachte eine exotische Note in das Konzert. Tanzlieder, vertonte Volkspoesie der „Dainas“, kurzer, seit Jahrhunderten überlieferter Gedichte, oder mythologisch und magisch aufgeladene Fruchtbarkeitsbeschwörungen und Sonnengesänge aus uralter Tradition - das lettische Trio entführte das Publikum in eine fremde Zauberwelt.
Nach der Pause dann das Septett Frigg. Die Gruppe spielte sich fast die Seele aus dem Leib. Ging es los mit einem Stück, das stark vom Bluegrass beeinflusst schien, waren dann irische Einflüsse zu hören, ging es dann mit Polkas und einem wunderschönen, ganz traumverlorenen Walzer unüberhörbar skandinavisch weiter. Es wurde gefiedelt (von Larsen in einem Solo auch auf der Hardanger Fiedel) was das Zeug hielt, die Stimmen, ob unisono oder ausdifferenziert, jagten sich, Hochgeschwindigkeit, Spielrausch und -freude waren das Markenzeichen einer ausdauernd bejubelten Band.
26. April 2010 | Von Niko Wasmund (SHZ)
Dämonen und Engel im Kühlhaus: Verhexen und in Trance versetzen
Donnernde, archaische Rhythmen und knurrende Bässe legen den Grund, auf dem Robert Jaworski von der polnischen Band Zywiolak mit Drehleier und oftmals stark verhalltem Geigenspiel mystisch-mittelalterliche Stimmung erzeugt. Piotrowska und ihre Mitstreiterin Iza Byra stimmen in kehliger Weise im Wechsel oder gemeinsam dazu ein. Sie begleiten ihre exotischen Gesänge mit exzentrischem Tanz, spitzen Schreien und fiesem Gelächter. Gerade so, als gelte es, partout den ganzen Saal zu verhexen.
Sanftmütig wie ein Engel erscheint da im Kontrast Anna Katrin Egilstrød. Die anmutige und sympathische Sängerin der Formation Valravn erinnert stimmlich ein wenig an Björk, verfügt dabei über eine schier unbegrenzte Elastizität ihres Organs. Verspielt und verträumt bis hin zum Trance sind die Songs der fünf Dänen, die in ihrer Heimat als der Exportschlager in Sachen Ethno-Musik gelten. Auch hier finden sich dominierend Geige und Drehleier, daneben kommen Banjo, Mandola und Flöten zum Einsatz. Die Rhythmen werden mittels schwerer Trommeln, Becken und aus raffinierten Samples erzeugt.
SHZ/ Flensburger Tageblatt - 26. April 2010 | Von Ursula Raddatz
Lettische Lebensfreude und dänische Spiellust in Unewatt
Ein passenderes Ambiente kann man sich für Folk-Baltica kaum vorstellen als das Landschaftsmuseum Unewatt. Am Sonnabendnachmittag auf Bänken vor den alten, reetgedeckten Häusern sitzend, mit Kaffee und Kuchen bewaffnet und bei strahlendem Frühlings-Sonnenschein, genoss das bunt gemischte Publikum ein ebensolches Programm. Wie amüsant, fetzig-spritzig die plattdeutsche Sprache sein kann, bewies dabei zunächst die Gruppe "Danzfolk".
Schwarzer Humor als nächstes, rabenschwarz. Die Erzählkunst von Michael Augustin zerging auf der Zunge, hanseatisch-melancholisch von Wolfgang Rieck im Wechsel mit ähnlich hintergründigem Gesang ergänzt. Geschichten und Lieder, die direkt aus Absurdistan stammen könnten.
Der grüne Rasen lockte zum Tanz, Lettische "Lerchen", die Folkloregruppe "Ceiruleits", in schöne heimatliche Tracht gekleidet, spielte zum bunten Reigen auf; Tanz, der in die Beine ging und diesmal auch die Zuschauer nicht aussparte. Aktives Mitmachen wurde gefordert, einfache Schritte, leicht zu lernen, machten Spaß, und zwar allen Beteiligten. Der Stimmungspegel stieg zusehends, Lebensfreude pur - das strahlte die junge Gruppe aus Lettland aus.
Zurück zu den Bänken, denn nun erschienen drei junge Dänen, die in Odense Folkmusik studiert hatten und sich nun als Profi-Musiker präsentierten, als die Gruppe THG. Ihre überschäumende Spiellust und Experimentierfreudigkeit wirkte ungeheuer mitreißend. Es kam richtig Bewegung ins Publikum, da zuckten Schultern und klatschten Hände.
SHZ/ Flensburger tageblatt 26. April 2010 Von Gunnar Dommasch; Antje Walther
Patina aus Staub und frische Finnen
Ein Konzert kreist um die Sonne: Der festliche Folk-Baltica-Auftakt am Freitag in St. Nikolai geriet zu einem intensiven Erlebnis - und machte Lust auf mehr. Besonders der samische Künstler Ingor Ántte Áilu Gaup faszinierte mit seiner Stimme, indem er den "Joik", jenen eigentümlichen Gesang der Urbevölkerung Nordeuropas, zelebrierte. Aber auch die vokalen Klänge des lettischen Trios Šmite, Karkle & Cinkuss wurden enthusiastisch aufgenommen. "Zutiefst berührend", meinte ein Besucher. Etwa 600 Besucher - die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt - zollten Beifall im Stehen. Wer tags darauf Duborg-Skolen ansteuert, um das Hauptkonzert zu erleben, sieht sich zwei Darbietungen gegenüber, die konträrer nicht sein können. Die erste Band des Abends - mit Vorschusslorbeeren gekrönt - nennt Moderator Morten Holm Hardcore-Jazzer. Wer mit großen Erwartungen an Stimme und Show auf der Galerie der Aula oder in den Stuhlreihen Platz fand, konnte enttäuscht werden. Archaisch und dabei anachronistisch, posenreich und nicht selten plump erscheint das lettische Quintett Patina um Biruta Ozolina.
"Frigg" aus Finnland spielen gern, virtuos und mitreißend. Flink an den Saiten und um Generationen erfrischender, so scheint’s, verjüngen sie Kompositionen aus Zutaten von früher dank flotter Einfälle, Erzählungen und "Yeahs" von heute. "Riverdance" und "Cross Country" - eine Erinnerung an wegen Dopings an die Norweger verlorene Goldmedaillen in der Wintersportdisziplin - heißen ihre rasanten Stücke, bei denen sich Gitarrist Tuomas Logrén schon mal rittlings auf den Boden wirft und abrockt. Wie wild, wie schräg, wie dynamisch die sieben Künstler auch immer agieren - sie finden in Motiv und Melodie stets traumwandlerisch sicher und unbekümmert zueinander. Das ist der Folk, den die Flensburger lieben.
Flensborg Avis, 26. April 2010, von Hans- Christian Davidsen
Unbekanntes Land
Mit der Sängerin Biruta Ozolina im Vordergrund eröffnet Patina den Abend mit einer sehr rhythmischen Vorstellung, oft mit der jazzigen, klezmer-geprägten Klarinette von Indrikis Veitners. Das reichte von Funk bis Groove über wunderschöne lyrische Balladen bis zu rockigen Nummern, in denen Viktor Ritovs E-Gitarren-Klänge aus seinem Synthesizer zauberte. So etwas kann in einem Schmelztiegel entstehen. Sehr betörend- auch wenn man kein Wort von den Texten im Gesang von Biruta Ozolina verstand.
SHZ - 24. April 2010 | Von Joachim Pohl
Folk-Baltica startet mit kraftvollen Klängen und deutlichen Worten
Unüberhörbar meldete sich gestern das sechste Folk-Baltica-Festival in Flensburg zu Ohr, und dafür sorgte das Ensemble "Auli" aus dem fernen Lettland.
Bis auf den letzten Platz war die Bürgerhalle besetzt, selbst auf den Randmauern saßen Gäste. Die Rednerliste war wohltuend auf ein Minimum begrenzt, die vorgebenen Sprechzeiten wurden eingehalten. Umso mehr Zeit war für Musik, die einen Vorgeschmack auf die kommenden zwei Festivaltage gab.
Kraftvoll und hymnisch, fremd und vertraut klingt der kleine Chor um die Sängerin Kristine Karkle. Der Kulturminister Ints Dalderis war ebenso unter den Gästen wie die frühere Staatspräsidentin Vaira Vike-Freiberga und der lettische Botschafter Ilgvars Klava.
Kieler Nachrichten, 23. April 2010, von Gerhard Breier
Temperamentvolle Reise mit „Fribo“
Norweger sorgen für volles Haus in der „Siegfried-Werft“
Mit gleich drei Terminen ist Eckernförde in diesem Jahr nach Flensburg und Sonderborg drittgrößter Festivalstandort von „Folkbaltica“. Wieder gibt es interessante Entdeckungen zu machen, wie „Fribo“ bewies.
Eckernförder Zeitung, 23. April 2010 | Von Markus Feuerstack
Folk Baltica-Auftakt: Fetziger Folk aus Norwegen in der Siegfried-Werft
Im Mittelpunkt der Gruppe agiert die Sängerin und (Oberton-) Flötistin Anne Sofie Linge Valdal aus Westnorwegen, die jugendlich mit starker Stimme genauso zartfühlend agieren kann, wie sie mit hohen Tönen spielend den Raum füllt. Ebenfalls singend spielt der Gitarrist Ewan MacPherson auch Maultrommel. Er stammt aus Schottland und bringt den keltischen Einschlag mit seiner uralten Folktradition in die Gruppe. Aus Schweden stammt der Percussionist Magnus Lundmark, der dem Sound die diffizilen Spannungen verleiht. Für das Eckernförder Konzert ersetze Lauren MacColl die Geigerin Sarah-Jane Summers.
Ihre bemerkenswerte Mischung aus schottischen Traditonals, skandinavischen Tanzmelodien und gälischer Mouthmusic arbeitete die gemeinsame Grundlage der europäischen Folkmusik bestens heraus. Egal ob Tanzmelodien, die den eng sitzenden Zuhörern die Beine zucken ließen, oder unterhaltsame Balladen, die von wunderlichen Begebenheiten und Geschichten erzählten - stets war ein musikalischer Zusammenklang zu erleben, der nicht nur erfrischend und unterhaltsam war, sondern auch musikalisch mitreißend.
ECKERNFÖRDER ZEITUNG, 27. April 2010 | Von Udo Hallstein
Ein Stück lettische Seele im "Haus"
Das internationale Naturfilmfestival Green Screen und das 6. Musikfestival Folk Baltica haben gemeinsame Sache gemacht: Sie präsentierten am Sonnabend im Kommunalen Kino im "Haus" gemeinsam einen NDR-Naturfilm, der die Wanderung des lettischen Musikprofessors Valdis Muktupavels durch die verschiedenen Landschaftsregionen seiner Heimat eindrucksvoll schildert. Unter den mehr als 85 Zuschauern war auch hoher Besuch: So freute sich Henning Willers, Vorsitzender des Fördervereins Green Screen und Mitorganisator der Veranstaltung, über den lettischen Botschafter in Berlin Ilgvar Klavas und die ehemalige Staatspräsidentin von Lettland, Vaira Vike-Freiberga, die mit ihrem Ehemann Imants Freibergs nach Eckernförde gekommen war. "Eine Tatsache, die den hohen Stellenwert dieser Veranstaltung unterstreicht", so Jens-Peter Müller, künstlerischer Leiter und Geschäftsführer von Folk Baltica. Auch Botschafter Klavas betonte die Bedeutung der Musikveranstaltung: "Das Festival ist eine willkommene Gelegenheit, die Beziehung zwischen Norddeutschland und Lettland zu festigen." Tags zuvor hatte Vike-Freiberga im Rahmen von Folk Baltica noch einen Vortrag über die kultische Bedeutung der Sonne in der lettischen Mythologie im Flensburger Schifffahrtsmuseum gehalten.
Ganz in "Green-Screen-Manier" war der Komponist und gleichzeitige Hauptdarsteller selbst anwesend, um in kleinen Beiträgen auf außergewöhnlichen Instrumenten den Zuhörer von seiner Arbeit zu berichten. So lernten die Zuhörer, dass der Dudelsack kein reines schottisches Instrument ist und die Aristokratie auf Metallinstrumenten, das einfache Volk dagegen auf hölzernen Instrumenten spielte.
SHZ, 27. April 2010 | Von Ursula Raddatz
Zeitsprung mit Lerchen aus Lettland
Die Zeit schien sich in der "Alten Eule" zu Kappeln um 150 Jahre zurückgedreht zu haben: Am Sonntagnachmittag wurde zum Tanz aufgespielt, wie es damals in den dörflichen Gegenden wohl so üblich war. Im Rahmen des Festivals "Folk Baltica" machte "Danzfolk" diesen reizvollen Zeitsprung möglich. Sie spielten gemeinsam mit der Tanzgruppe "Ceiruleits" (dt.: Lerchen) aus Lettland - junge Leute, die nicht nur prächtig tanzen können, sondern auch gerne und unverstellt singen und musizieren.
Für Ausführende wie Gäste war es ein großes Vergnügen, sichtbar, spürbar - niemand, der nicht für zwei Stunden den grauen Alltag vergessen hätte. Und das ist durchaus des Wiederholens wert.
Flensburger Tageblatt, 24. April 2010 | Von Jan Kirschner
Gelungene Folk-Baltica-Premiere
Valdis Muktupavels war im Vorfeld als zentrale Figur der baltischen Folk-Szene angekündigt worden. Als er bescheiden anmerkte, dass er "viel mitgebracht" habe, ahnten die Zuhörer bereits eine versteckte Genialität. Er demonstrierte mehrere klassische Instrumente aus dem Baltikum - mal mit, mal ohne Gesang. Mal benutzte er den Dudelsack, der in Lettland eine 500 Jahre alte Tradition hat, dann eine Zither oder ein Schäferhorn.
Acht Musiker eroberten die Bühne, machten diese mit hämmernden Schlägen, einem intensiven Klangkörper und einzelnen "musikalischen Urschreien" ordentlich unordentlich. In der Mitte thronte eine riesige Trommel ("die größte aus Lettland, vielleicht sogar aus Europa"). Auch dem Letzten im Saal wurde die Bedeutung des Band-Namens "Auli" schnell bewusst: galoppieren. "Wir reiten auf den Beats", sagten die Letten und spannen schnell einen Draht zum Publikum.


